Chronik 1976 bis 1990

1976

Herausragendes Ereignis ist die Konzertreise des Knabenchores nach Großbritannien vom 21.6. - 2.7. mit Besuchen der Wiesbadener Partnerstädte Gent (auf der Hinreise) und Turnbridge-Wells. Konzerte finden statt: Auf der Hinreise in Gent, Southend, Turnbridge-Well, in Chelmsford, London ("Bach in London"-Festival der St.George´s Kirche) und auf der Rückreise in Aachen. Der Chor ist in England bei Familien des Boy´s Choir der Stadt Southend untergebracht. Zum Auftakt seiner Englandreise singt der Knabenchor am 18.6. in der Ringkirche Motetten von Bach, Pachelbel, Schütz, Kodály u.a.


Trotz dieser Konzertreise wird auf die Singefreizeit zu Ostern (Brodenbach) und im Herbst (Sargenroth) – vor allem gedacht für die Mitglieder, die nicht mit nach England fahren können – nicht verzichtet.

Aus dem Programmheft "Bach in London 1976":

 

WEDNESDAY, 30 JUNE

 

12.30 p.m. Lunchtime Service

(with motets)

 

WIESBADEN BOY´S CHOIR
(Wiesbadener Knabenchor)

This choir from West Germany was founded in 1960, and Konrad-Jürgen Kleinicke has been its conductor since 1964. The assistant conductor, Hans-Günther Schlosser, was previously a singer in the choir. Both these directors teach music in Wiesbaden schools, making possible a wide choice of young singers. Despite difficulties of rehearsing, this choir tries to carry on the Knabenchor traditions which have long been associated with certain German cities such as Leipzig (St. Thomas`s) and Dresden. And so – in serving music and religion – their repertoire covers sacred choral music of all styles and periods.

Befiehl dem Herren deine Wege (Liebhold)
18th-century Thuringian motet

 

Lobe den Herren, meine Seele (Schütz)
Motet for double choir

 

Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen (composer unknown)
18th-century Thuringian motet

 

Nun danket alle Gott (Altnikol)
5-part motets

1977

Singefreizeit in Gersfeld zu Ostern und in Gerolstein/Eifel im Herbst. Geprobt wird u.a. Pepping, Haydn, Britten ("A Ceremony of Carols"). Im März kommt der Helmstedter Knabenchor wiederum nach Wiesbaden. Im November wirkt der Wiesbadener Knabenchor bei einer Aufführung der Matthäuspassion von Bach unter GMD Prof.Köhler im Wiesbadener Kurhaus mit.

Es ist zwischendurch angebracht, an die Gottesdienstsingen zu erinnern, die zum festen Bestandteil eines jeden Jahresprogramms des Knabenchors gehören. Es ist von daher gerechtfertigt, sie nicht für jedes Jahr besonders zu erwähnen. Ihre Vielzahl läßt eine Aufzählung im Rahmen dieser Chronik nicht zu. Sie bedeuten auf jeden Fall den Kern der musikalischen Arbeit: In evangelischen wie auch zunehmend in katholischen Kirchengemeinden Wiesbadens.

1978

Im Sommer bezieht der Knabenchor neue Übungsräume in der Humboldstr. 6. Die Übungsmöglichkeiten verbessern sich damit gegenüber der Stephanuskirche, wo der Knabenchor bisher seine Proben durchgeführt hat, deutlich. Hier wird der Chor nun für alle als Gemeinschaftserlebnis – nicht ausschließlich auf das Singen beschränkt – erfahrbar. Es entsteht bald so etwas wie eine Clubheim-Atmosphäre.
Davor, im März, erwidert der Wiesbadener Knabenchor den Besuch des Helmstedter Knabenchores (nach 1972 zum zweitenmal). Die Reise wird in zwei Etappen durchgeführt. Zunächst ist Gersfeld das Ziel (mit Konzert in der evg. Kirche des Städtchens), dann reist der Chor nach Helmstedt, um zusammen mit dem Helmstedter Knabenchor an dem Schuljubiläum des Gymnasiums in Goslar teilzunehmen. Der gymnasiale Knabenchor Goslar führt mit den Helmstedtern und dem Wiesbadener Knabenchor die Gloriamesse von Vivaldi auf.


Im Juli dieses Jahres wird das umgebaute und erweiterte Staatstheater in Wiesbaden wieder eröffnet. Aus diesem Anlaß wird die 8. Symphonie von Gustav Mahler ("Symphonie der Tausend") aufgeführt. Der Knabenchor wirkt in einer umfassenden Partie mit. Unter Leitung von Prof. Köhler singen außerdem neben dem Chor der Stadt Wiesbaden auch Chöre aus Darmstadt, Nürnberg und Saarbrücken.


Unmittelbar nach der Mahler-Aufführung findet noch ein Konzertwochenende in Gersfeld statt. Es erklingen Motetten von Bach, Schütz, Righini ("Lobet den Herrn") und Hessenberg ("Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens"). Am 19.9 singt der Chor in der Andreaskirche in Frankfurt im Rahmen einer Rundfunkgottesdienst-Direktübertragung des Deutschlandfunks eine Kantate von Buxtehude; an der Orgel: Wolfgang Fröhlich, Kantor der Wiesbadener Ringkirche.


In den Herbstferien probt der Chor wiederum in Sargenroth. Im Weihnachtskonzert (16.12) kommen u.a. die Gloriamesse von Vivaldi, das Deutsche Magnificat von Schütz und Hessenbergs oben erwähnte Motette zur Aufführung.

1979

Bereits im Februar (7. – 11.2.) weilt der "Petit Choeur de Montreux" aus der Partnerstadt Wiesbadens hier. Er konzertierte in Bad Schwalbach und in der Wiesbadener Brunnenkolonnade.


Wenige Wochen danach, vom 17. - 21.4. findet bereits der Gegenbesuch in Montreux statt. Der Chor nimmt in Montreux an den "Recontres Chorales internationales" teil. Auf der Hin- und Rückreise finden Konzerte im süddeutschen Raum statt. Schwerpunkte des Programms sind Werke von David, Prätorius und Weismann.


Herr Kleinicke übernimmt in diesem Jahr nach Berufung durch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau die Leitung der Laubacher Kantorei (Chor im Internat), behält aber gleichzeitig (mit Assistenz des "Ehemaligen" Hans-Günther Schlosser, Studienrat für Musik an der Helene-Lange-Schule) die Leitung des Wiesbadener Knabenchores bei.


Im selben Jahr gründet Herr Klaus Uwe Ludwig, Kirchenmusikdirektor an der Lutherkirche in Wiesbaden, eine neue Reihe "Orgel-Matineen" an Sonntag-Vormittagen. Der Knabenchor wirkt darin von Anfang an mit, wenn auch in den letzten Jahren sehr viel seltener. Leicht verständliche alte und neue Orgelmusik in der Interpretation vornehmlich Wiesbadener Organisten ist jeweils mit Soloverträgen (instrumental und gesanglich) gekoppelt. Der Knabenchor steuert neben Liedsätzen und Motetten – in jüngster Zeit verstärkt – von Knaben- und Männerstimmen solistisch oder in kleinen Gruppen vorgetragene Lieder und geistliche Konzerte dazu bei.


Die Herbstsingefreizeit führt 1979 in die Jugendherberge Odersbach (nahe Weilburg/Lahn). Geprobt wird "Krönungsmesse" von Vincenzo Righini, die im Weihnachtskonzert, nach vorheriger Aufnahme einer Schallplatte, vorgestellt wird.

1980

Der Wiesbadener Knabenchor wird 20 Jahre alt. Eine gewisse Unsicherheit entsteht in diesem Jahr wegen der Doppelfunktion, die Herr Kleinicke nun innehat: Leiter der Laubacher Kantorei und des Wiesbadener Knabenchores. Durch die tatkräftige Hilfe von Herrn Schlosser und auch Herrn KMD Ludwig wird die Chorarbeit aber in keiner Weise beeeinträchtigt.


Den Höhepunkt bildet in diesem Jahr zweifellos die Konzertreise nach Schweden (8. - 18.4.). Stationen sind: Gränna, Trollhättan, Kristianstad, Stockholm, Linköping und Hälsingborg und zum Auftakt der Reise: Buxtehude.


Weitere wichtige Aufgaben in diesem Jahr sind ein Konzert zur Eröffnung des evg. Stadtkirchentages am 19.6. und die Aufführung des Bachschen Weihnachtsoratoriums zusammen mit der Laubacher Kantorei in Laubach (13.12.) und in der Lutherkirche in Wiesbaden (20.12.).


In Zusammenfassung all dieser Aktivitäten sei die Schlußbemerkung einer Rezension des Musikkritikers Helmut Hampel (Wiesbadener Kurier) zur Erstaufführung der Kodaly-Komposition für Chor und Orgel "Laudes Organi" (Konzert/Stadtkirchentag) zitiert:

>> Wie glücklich kann ein ganz junger Mensch (womöglich erst viel später) sein, der das alles im Wiesbadener Knabenchor miterleben und mitgestalten durfte. Und es war wirklich gut, sogar ausgezeichnet, wie die Wiesbadener Knaben "ihren" Kodály aufführten. Wunderschön die tiefen Stimmen, aus denen die hohen organisch herauswuchsen. Natur und Kunst in harmonischem Zweiklang. Bravo – auch seitens der Zuhörer. <<

Seit der Knabenchor in der Humboldstr. 6 seine "Heimat" gefunden hat, wird dort nicht nur streng und hart gearbeitet, sondern auch gelegentlich gefeiert. Zur Tradition ist inzwischen das Sommerfest im August/September geworden. Es eröffnet quasi einen Einblick in das Innenleben dieses Chores: Freude am musikalischen Schaffen, ebenso aber auch am Spiel. Dabei gilt Improvisation als Grundprinzip. Durch sie werden Turbulenzen, überschäumendes Temperament, verwirrende Vielfalt, spannungsgeladene Atmosphäre am Ende doch immer wieder in geordnete, ruhige und produktive Bahnen gelenkt.

1981

Die jährliche Konzertreise hat sich zur Tradition entwickelt. Zu Ostern (11.4.-17.4.) hat Hans-Günther Schlosser eine Konzertreise in die Schweiz organisiert. Konzerte finden in Schaffhausen, Arban, Kreuzlingen, Zürich, Andelfingen und Weingarten statt. Interessante Ausflüge zum Rheinfall, ins Appenzeller Land, zum Vierwaldstädter See und nicht zuletzt die Stadtrundfahrt in Zürich bilden einen abwechslungsreichen Rahmenprogramm.

In unmittelbarem Anschluss daran haben die jüngeren Sänger Gelegenheit, während einer kurzen Singe- und Wanderfreizeit im Schwarzwald (Haslach im Kinzigtal) im gegenseitigen Kennenlernen und gemeinsamen Tun fester in die Chorgemeinschaft hineinzuwachsen und den Chor als „pädagogischen Ort“ zu erfahren.

Am 1. August übernimmt die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau die Trägerschaft des Knabenchores. Der bisher von der EKHN getragene Knabenchor Laubacher Kantorei stellt seine Arbeit ein.

Die Arbeit des Knabenchores, intensiviert während der Herbstsingefreizeit in Sargenroth, konzentriert sich auf zwei Werke: erneut „A Ceremony of Carols“ für Harfe und Chor von Britten und das Weihnachtsoratorium von Saint-Saëns für 5 Solisten, Harfe, Orgel, Streichorchester und Chor. Beide Werke werden im Dezember in der Stadtkirche in Grünberg und der Wiesbadener Lutherkirche aufgeführt.

1982

Mit Beginn des Jahres wird die für gedeihliche Chorarbeit so wichtige Stimmbildungsarbeit ausgeweitet. Zusammen mit Rose Marie Stoye bilden die Wiesbadener Opernsängerin Elisabeth von Meltzer und die Sopranistin Eva Schmidt-Renne nun ein dreiköpfiges Stimmbildungsteam, das nun auch die Heranbildung der Männerstimmen intensiv zu betreiben beginnt. Frau von Meltzer, die insbesondere bei den „Kleinen“ sehr beliebt ist, scheidet aus Gesundheitsgründen Mitte 1983 bereits wieder aus. An ihre Stelle tritt die rumänische Altistin Olga Sandu, die neben konzentrierter Stimmbildungsarbeit zusammen mit Frau Schmidt in der Folgezeit in vielen größeren Konzerten des Chores und auf Konzertreisen Solopartien übernimmt. Damit ist eine Tradition fortgeführt, die Rose Marie Stoye mit starker künstlerischer Kraft und Ausstrahlung zwei Jahrzehnte lang erfolgreich ausgefüllt hatte.

Im August beginnt die Arbeit des Bläserkreises unter Leitung des Chorvaters und erfahrenen Fachmanns Eberhard Henzel, der allen Altersstufen, besonders auch den Mutanten, eine sinnvolle Ergänzung ihrer musikalischen Ausbildung anbietet.

Zu berichten ist auch in diesem Jahr von einer reichen Konzerttätigkeit: In der Osterzeit begibt sich der Chor auf Konzertreise in die Toskana. Zur Aufführung kommen u.a. ein Oster-Offertorium von Isaac, eine halbstündige a-cappella-Messe von Fux in streng altpolyphonem Stil und zeitgenössische Ostersätze. Nach einem Auftakt in Lenggries sind Tavernelle, Fiesole, Florenz, Arezzo, Bagno Aripoli, Siena und Roncone weitere Stationen der Reise.

Im Mai tritt der Knabenchor mit seinem Reiseprogramm in einem vielbeachteten Konzert in der Darmstädter Pauluskirche auf. Im Juni besucht der Jugendchor der Johannelund-Gemeinde/Linköpping (Schweden) den Wiesbadener Knabenchor.

Einige Konzerte runden die Jahresarbeit ab. Herausgehoben sei die Teilnahme am Landeskirchenmusiktag im Kloster Eberbach im September.

Nicht unerwähnt bleiben darf die Probenfreizeit in Sargenroth im Herbst. Sie dient der Vorbereitung des Weihnachtskonzertes mit der Bachkantatee BWV 191 „Gloria in excelsis“ und dem Bach’schen „Magnificat“.

1983

Der Chor bleibt in diesem Jahr im Lande. Um Ostern bereitet er sich im Rahmen einer Singefreizeit in Oberreifenberg auf die musikalischen Aufgaben des Jahres vor. Das Repertoire wird erweitert durch die Mendelssohn-Kantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Gottesdienstsingen und Lutherkirchen-Matineen bilden die turnusmäßigen Verpflichtungen, ergänzt durch ein Konzert in Babenhausen am 23.1.

Als wichtige Veranstaltung folgt im Mai die Mitwirkung in Brittens „War Requiem“ op. 66 im Rahmen der Internationalen Maifestspiele.

Im gleichen Monat bringt der Knabenchor im Rahmen einer musikalischen Vesper in der Wiesbadener Kreuzkirche die 4- bis 8-stimmige Motette „Die Stadt Gottes“ von Fritz Liebscher, einem 1907 in Dresden geborenen Komponisten, in dessen Anwesenheit zur Uraufführung. Aus dieser künstlerischen Begegnung wächst eine Freundschaft, die Herrn Liebscher veranlasst, dem Wiesbadener Knabenchor ein neues Werk zu widmen: eine dreiteilige Evangeliums-Motette nach Markus- und Lukastexten.

Zu den Höhepunkten der Arbeit der ersten Jahreshälfte gehört schließlich – zusammen mit Konzerten in Bad Schwalbach (5.6.) und in der Lutherkirche (18.6.) – die Schallplattenaufnahme des „Te Deum“ von Righini. Neben dieser Erstaufführung enthält das Programm Salieris „Hofkapellmeistermesse“ als weitere Erstaufführung für Wiesbaden.

Die zweite Jahreshälfte ist ausgefüllt mit den Proben für ein sehr anspruchsvolle Weihnachtskonzert mit der „Psalmensinfonie“ von Igor Strawinsky. Strawinskys Bearbeitung von Bachs Orgelvariationen „Vom Himmel hoch“ ergänzen dieses besondere Lutherkirchen-Konzert.

1984

Die Jahresarbeit findet bereits zu Ostern einen ersten Höhepunkt: Der Wiesbadener Knabenchor begibt sich zum zweiten Mal auf Konzerttournee nach Italien. Ziel ist auch diesmal die Toscana mit den Stationen Roncone, Scarlino, Gavorrano, Follónica, Massa Marittima, Tavernelle und Figline (nahe Florenz). Menaggio bei Como kommt auf der Rückreise hinzu sowie Konstanz und Ingolstadt, wo die Reise ihre erste Station genommen hat.

Mit seinem Konzertprogramm bemüht sich der Wiesbadener Knabenchor auf dem Gebiet der geistlichen Musik um eine Erweiterung des klassischen Repertoires. Er dokumentiert dies mit der Aufführung eines weiteren Werkes von Salieri (nach seiner „Hofkapellmeistermesse“ nun sein „Magnificat“), mit Michael Haydn (dem „Salzburger“ Haydn): Offertorium „Laudate Dominum“, Georg Joseph Vogler (1749-1814), Würzburger, Stockholmer und Darmstädter Hofkapellmeister: Missa Pastoritia und Giovanni Gabrieli (Psalmvertonungen). Ergänzt wird das klassische Programm durch die Uraufführung der sinfonischen Fassung einer Psalmenouverture von Georg Friedrich Händel, die der Leiter des Wiesbadener Knabenchors zusammen mit einer Bearbeitung des Osterchorals „Erstanden ist der heilige Christ“ für die Konzertreise geschrieben hat.

Zwei Chöre weilen in Wiesbaden zu Gast: der polnische Kammerchor „Motet et Madrigal“ aus Posen und der Göttinger Knabenchor.

Die Herbstsingefreizeit findet diesmal in Büdingen statt. Sie dient der Vorbereitung der vorweihnachtlichen Konzerttourneen in der Umgebung von Wiesbaden (Bad Homburg, Kriftel und Grünberg) und des traditionellen Weihnachtskonzertes in der Lutherkirche. Auf dem Programm stehen Werke von Palestrina, Praetorius, Brahms, Pepping und im Mittelpunkt die Weihnachtskantate von Ottorino Respighi „Lauda per la Natività del Signore“ als Wiesbadener Erstaufführung.

1985

Der Wiesbadener Knabenchor wird 25 Jahre alt. Er bereitet sich auf die Festtage zu Pfingsten vor. Zuvor aber begibt er sich zu Ostern (4.4. - 13.4.) auf Konzertreise nach Berlin und nach Belgien. Neben Righinis „Krönungsmesse“ steht zum ersten Mal ein größeres Werk von Händel auf dem Programm: „Jubilate Deo“ (Psalm 100) für Soli, Chor und Orchester. Die stärksten Eindrücke des Aufenthaltes in Berlin sind neben einem Konzert in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche die Feier der Osternacht in der katholischen Kirche St. Marien-Liebfrauen in Kreuzberg und die bewegende Gastfreundschaft dieser Gemeinde (Pfarrer Kliesch) und der evangelischen Gemeinde der „Zwölf-Apostel-Kirche“ (Kantor Hulmann). Der größte Teil des Chores ist im Jugendgästehaus in Tegel untergebracht. Viele Jungen erleben zum ersten Mal das politische Phänomen der Teilung Deutschlands durch die Mauer und die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen West- und Ostberlin bei einen Besuch im Ostteil der Stadt.

In Belgien wird der Chor vom Knabenchor Sint-Niklaas herzlich aufgenommen und erwartet im November 1986 einen Gegenbesuch. Die Konzerte in Hoboken und Sint-Niklaas sind gut besucht und auch künstlerisch befriedigend.

Um das Pfingstfest herum wird das 25-jährige Bestehen des Knabenchors in einer Festwoche gefeiert. In nicht weniger als fünf Gottesdiensten und Messen in Wiesbaden und im Rheingau, die von den Jubiläumsgästen, dem Mainzer Domchor, der Lübecker Knaben-Kantorei, dem Bamberger Domchor, und natürlich dem Wiesbadener Knabenchor gestaltet werden, feiert der Chor, Gott preisend und dankend. Künstlerische Höhepunkte sind zwei Konzerte: am 26. Mai in der Marktkirche gemeinsam mit den Gastchören und am 2. Juni in Kloster Eberbach, einem großen Chor- und Orchesterkonzert. Dort erklingt unter anderen noch einmal die Krönungsmesse von Vincenzo Righini. Gesellschaftliche Jubiläumsereignisse sind der Empfang im Wiesbadener Rathaus und das Chorfest auf der Burg Hattenheim.

1986

Das Jahr beginnt mit einer Singefreizeit in Sargenroth (4.1. - 11.1.) zur Vorbereitung der Konzertreise nach Polen. Im Liegewagen geht es vom 7.2. - 16.2. nach Posen zu einem Chorfestival mit berühmten Chören wie den Wiener Sängerknaben und dem Dresdener Kreuzchor. Als großes Chor- und Orchesterkonzert wird die Missa Solemnis von Vincenzo Righini aufgeführt.

Am 22.3. geht es schon wieder auf Konzertreise, diesmal nach Frankfreich und Italien. Die Reise führt über Zürich an die französischen Riviera (Valence und Avignon), anschließend nach Follónica in der Toscana. Auf der Rückreise folgen noch Stationen am Comersee und in Basel. Im Herbst findet wieder eine Singefreizeit in Büdingen statt. Ende Oktober kommt der belgische Chor "In Dulci Jubilo" aus Sint-Niklaas zum Gastbesuch.

1987

Der Chor tourt in den Osterferien durch Westfalen. Stationen der Tournee sind Espelkamp, Minden und Lübbecke. Die Aufführung der Johannes-Passion von Heinrich Schütz steht auf dem Programm. Im Frühsommer nimmt der Chor am internationalen Chorwettbewerb „Harmonie Festival '87“ in Lindenholzhausen teil.

Zu Weihnachten wird die "Dresdener Christvesper" von Rudolf Mauersberger in der Lutherkirche uraufgeführt.

1988

Im Januar steht die Nachaufnahme des Weihnachtskonzertes an. Vom 25.3. - 10.4. geht der Knabenchor auf seine erste Spanien-Konzertreise. Mit einem großen organisatorischen Kraftakt gelingt es, alle Knaben und Männer inclusive Gepäck im Zug in die Wiesbadener Partnerstadt San Sebastián, anschließend nach Madrid und in der zweiten Woche zur Singefreizeit nach Castellón de la Plana (bei Valencia) und wieder nach Hause zu bringen. Während der Singefreizeit wird das „Te Deum“ von Antonin Rejcha einstudiert. Die Reise begleiten das Lehrerehepaar Rixmann, die Stimmbildnerin Frau Meltzer und Eberhard Henzel.

Schon seit geraumer Zeit wird die Diskussion um ein neues Heim für den Wiesbadener Knabenchor geführt. Als Alternativen kristallisieren sich nun die Johanneskirchengemeinde und das Evangelische Jugendzentrum heraus. Darüber hinaus steht es um die Nachwuchssituation des Chores schlechter.

Am 17.9. findet das letzte Sommerfest des Knabenchores in der Humboldstraße 6 statt. Der Umzug ins Evangelische Jugendzentrum ist beschlossene Sache.

Vom 21.10. - 29.10. fährt der Chor auf die Insel Reichenau zur Singefreizeit an den Bodensee. Für das Weihnachtskonzert am 16.12. in der Lutherkirche und am 22.12. in Tübingen wird das „Te Deum“ von Antonin Rejcha und das Magnificat von Brixi vorbereitet.

1989

Der Knabenchor zieht in sein neues Chorheim im Dietrich Bonhoeffer-Haus in der Fritz-Kalle-Straße ein.

In den Osterferien vom 18.3. - 25.3. findet eine Singefreizeit in Hohenunkeln statt.

Am 8. Juli vor Beginn der Sommerferien geht der Wiesbadener Knabenchor als erster Westchor noch vor der Wende auf Konzertreise in die DDR, welches zu einem wahren Erlebnis für jeden Sänger wird. Die Reise mit den Stationen Wittenberg, Herzberg, Quedlinburg, Aschersleben und Halberstadt hat ihren Höhepunkt in einem Konzert als Gast beim Dresdner Kreuzchor in der Dresdner Kreuzkirche. "Die Stadt Gottes" des Dresdner Komponisten Fritz Liebscher wird erneut, diesmal in der Heimat des Komponisten, aufgeführt. Unvergessen bleibt sicher auch das Konzert im Dom zu Aschersleben mit über 1.500 Zuhörern und die zahlreichen persönliche Kontakte und Erfahrungen zu "DDR"-Familien kurz vor Öffnung der Mauer.

Im Oktober geht es auf Singefreizeit nach Sargenroth und am 22. und 23. Oktober wird gemeinsam mit dem Breslauer Kammerorchester LEOPOLDINUM "Die Geburt Christi" von Heinrich Herzogenberg auf CD aufgenommen, welches dann auch am 6. Dezember als Weihnachtskonzert in der Lutherkirche erklingt. Dies ist das letzte Konzert unter Leitung von Dr. Konrad-Jürgen Kleinicke, der sich nach 25 jähriger Chorleitertätigkeit vom Knabenchor verabschiedet.

Es beginnt ein starkes Engagement einiger Männerstimmen, um den Wiesbadener Knabenchor als Institution der hessischen Landeskirche zu erhalten.

1990

Es folgt ein Jahr der Umbrüche: Anfang des Jahres übernimmt Jörg-Dieter Süß kurzzeitig die Chorleiterstelle und geht mit dem Chor vom 1.4. - 6.4. auf Singefreizeit nach Rothenfels. Nach der Singefreizeit übernimmt Jörn Edler, der selbst jahrelang Sänger im Knabenchor gewesen ist, kommissarisch die Chorleitung. Der schnelle Wechsel der Chorleiter hinterlässt seine Spuren und dezimiert den Chor stark.

Ende Juli feiert der Knabenchor sein 30-jähriges Bestehen mit einem Sommerfest im Chorheim im Dietrich Bonhoeffer-Haus.

Im August wird eine Sommerfreizeit in Büdingen zur Nachwuchswerbung durchgeführt. Jörn Edler legt die kommissarische Chorleitung im September nieder. Denn die Chorleiterstelle ist von der Landeskirche offiziell ausgeschrieben worden und am 22.9. findet in der Kreuzkirche ein Probedirigieren der Bewerber um die Chorleiterstelle statt.

Unter den drei Bewerbern wird am 1. Oktober Klaus Ullrich zum Leiter des Wiesbadener Knabenchores ernannt. Die Zeit des Übergangs ist damit beendet, der Chor allerdings auf unter 40 Sänger zusammengeschrumpft.

Die Chorarbeit von Klaus Ullrich beginnt mit einer Singefreizeit im Herbst in Hohenunkel. Im November wirken die Knabenstimmen bei einer Aufführung des Oratoriums "Paulus" von Mendelssohn in St. Elisabeth unter Leitung von F.J. Oestemer mit. In diesem Jahr findet seit langen Jahren erstmals kein Weihnachtskonzert statt, es endet aber mit der traditionellen Christvesper in der Stephanuskirche.

In diesem Jahr beginnt auch die Planung für eine Erweiterung der Räumlichkeiten im Dietrich Bonhoeffer-Haus.

Kulturpreisträger 2013 der Landeshauptstadt Wiesbaden